Chicago Tag 1: Lenny im Altersheim


Ich kann nicht sagen, ob die Nacht im Zug oder im Bus schlimmer war. Was ich allerdings mit Sicherheit sagen kann, ist, dass ich heute im Altersheim Bibelsongs gesungen habe. Das war Tag 1 in Chicago!

Welcher der beiden ist der Berliner?

Ja, also meine erste Erfahrung mit der Bahn hier war eigentlich echt nett. Eigentlich! Die Landschaft in West Virgina war bombastisch schön. Ein normaler Sitzplatz ist wie ein Sessel mit mehr Fußraum, als ich benötigt habe.
Aber die Nacht war so brutal kalt. Vermutlich kennt die Klimaanlage nur die folgenden zwei Einstellungen: Tiefgefroren oder aus. Dazu kommt, dass der Lockführer die Hupe irgendwie lustig oder spaßig gefunden hat und alle 10 Sekunden gehupt bzw getschutet hat. Immerhin haben sie das Licht gedimmt, sodass ein paar Stunden Halbschlaf möglich waren. 

Der Kaffee im Salonwagen hat mich dann gerettet und ich konnte mich, aus dem Fenster auf die Weiten Idianas starrend, mal wieder über meine Kreditkartenfirma aufregen. Scheiß "Sicherheitssystem" von Barclays. Aber gut, mittlerweile krieg ich das relativ schnell wieder gelößt. 

Eine Sache, die mir noch über das Zugfahren hier aufgefallen ist: die Züge fahren nicht schneller als die U3 auf der Hochbahnstecke. Kein Spaß! Ganz sachte fährt die durch die Landschaft. Ich dachte, dass soll so einen gemütlichen Eindruck vermitteln. Man sieht so schließlich auch etwas, wenn man aus dem Fenster guckt. Die Amis haben es aber einfach verplant, Schnellstecken zu bauen.

An der Union Station in Washington wartete die Couchsurfinglegende aus Chicago auf mich: Paul Kaufmann. Mit über 700 positiven Referenzen ist man definitiv eine Legende. Er lebt hier im Univiertel in einer WG. Näher an Dowtown geht eigentlich nicht.

Ich war eigentlich ziemlich erledigt, aber nach dem gesunden Mittagessen, habe ich doch irgendwie Kraft geschöpft, Pauls Einladung zu folgen.
Der hat mich nämlich ins Altersheim eingeladen (weil es dort tolles Essen von einer 94 jährigen Dame geben soll). Ich wusste nicht, was mich erwartet, aber Neugier und Aufgeschlossenheit haben mich in den Bus steigen lassen. Ich hab mir übrigens den 7 Tage Metropass für 20 Euro geholt. Schnäpsche!

In der Seniorenresidenz, nicht Altersheim, leitet Paul anscheinend einen monatliches Zusammenkommen der christlichen Gemeinde. Während er beeidruckend gut Klavier gespielt hat, haben wir dann dazu die Kirchenlieder gesungen. Es gab dieses köstliche Essen von einer 94 jährigen Dame, die allen Ernstes alleine für 25 Personen gekocht hat. Mit Patrick, der eine unvorstellbar emotionale Dankesrede über Jesus gehalten hat, und dem Dicken ("Fred?") habe ich mich besonders gut verstanden. Ich verstehe jetzt, warum für ältere Menschen der gemeinsame Glaube doch durchaus wichtig ist. 

Im Anschluss hat mich eine sehr nette Lehrerin nach Hause gefahren. Da sie aber Pauls Adresse nichts aus dem Kopf kannte, hat sie sich mehrmals verfahren. Das war aber nicht weiter schlimm, denn das gab uns mehr Zeit, über das amerikanische Schulssytem zu reden. 

 - Das amerikanische Schulssytem: - 

Das neuste Problem sind übrigens "Charter Schools".  Sie hat jedenfalls an "Urban schools"=Problemschulen unterrichtet. Sie meinte, dass sie in ihrer gesamten Zeit nur 10 weiße Schüler gehabt haben muss. 

Und ich kann es nur immer wieder sagen. Donald Trump und seine Anhänger sind ein anderes Amerika. Diese Lehrerin war vollkommen aufgeklärt darüber, wie Schwarze häufiger schlechte Bildung genießen. Das Budget der Schulen in den USA stammt nämlich nur aus den lokalen Steuern. Wenn die Reichen und Unternehmen also wegziehen, sind die Schulen vor Ort massiv unterfinanziert. 
Schlechte oder unzureichende Schulbildung ist dann der Funke, der ein System der Diskriminierung in Gang setzt. 

Aber die Lehrerin hatte noch deutlich schaurigere Geschichten über Schulen in Indiana zu erzählen. Ihre Schule hat 14 Jahre alte Schulbücher. Dass Unterrichtsmaterial für alle Schüler im Kunstunterricht war ausschließlich Papier. Keine Stifte oder Farben. Sie hat dann von Ihrem Geld das Notwendigste gekauft. 

Die krasseste Geschichte war aber die folgende. Eigentlich sind es zwei. Intensität steigend. 

1. In Klassenräumen sind regelmäßig Rohre aus der Decke gebrochen und neben den Kinder, im Unterricht, auf den Tisch geknallt.

2. Als einmal Arbeiten im Gang vorgenommen wurden, hat Sie bemerkt, wie Aspest am Boden und in den Wänden war. Die Antwort des Verantwortlichen: "Mind your own Buisness" (Kümmere dich um deinen eigenen Kram). Was zur Hölle?!
Das war schockierend zu hören.

3. Es ist jetzt immer noch. Seit ihrer Pensionierung hat sich die Schule nicht verbessert. Ihre Meinung: "Third World Schools". 

Wie es amerikanischer nicht sein könnte, hat sie mir (und meiner Schwester) zum Schluss noch angeboten, jederzeit bei ihr zu übernachten.

- Schulssystem ende - 

Bei Paul hab ich mir nochmal seine Pianoskills beweisen lassen und das wars.
Paul ist so ein total freundlicher Typ, den man eigentlich schwer beschreiben kann. Mittleren Alters aus der Schweiz, kann Züge fahren, spielt herausragend Klavier, ist im Kirchenverein, eröffnet demnächst einen Bubble Tea Shop, hat mal Arnold Schwarzenegger getroffen, spricht 9 Sprachen, besitzt kein Auto, hat ein Kompliment von den New Yorker Philharmonikern bekommen, plant die Tourne eines Gitarrenkünstlers, war mal Metzger, hat für die Uni gearbeitet, chartert ganze Züge der deutschen Bahn und spielt ehrenamtlich Arkodeon zu Weihnachten im Zugmuseum.

Vielleicht vermitteln diese Fakten einen Eindruck über diesen besonderen Couchsurfer. Ich melde mich jetzt ab, denn ich will Schlaf!

Gute Nacht aus Chicago!
Lenny

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