Die Frage nach dem „Warum?“

Brief an die Vereinigten Staaten von Amerika 



Warum? Das ist die Frage, die mir am häufigsten gestellt wurde. Warum die USA? Wir erzählten den Amerikanern im Camp, dass wir in Europa keine Waffen, zu vernachlässigende Studiengebühren, gute Gesundheitsversorgung und exzellente öffentliche Verkehrsmittel haben. 


Ich könnte Stunden damit verbringen die Vereinigten Staaten und Deutschland zu vergleichen. Jedes Mal, wenn ich den Schlussstrich ziehe, steht Deutschland unter dem Strich besser da - wenn man so wichtige Themen wie Sicherheit, Versorgung oder einfach nur das Essen vergleicht.


Warum bin ich wieder zurück in die Staaten geflogen? Am Anfang habe ich allen, die gefragt haben, gesagt, dass es irgendwie ein Gefühl ist. Dass mich etwas auf die andere Seite des Atlantiks zieht. Ich war nicht in der Lage „etwas“ etwas genauer zu beschreiben.


Mittlerweile weiß ich, was es ist - vermute zu wissen, was es ist. Es ist die Gastfreundschaft, Liebenswürdigkeit und Offenheit der Menschen, die in diesem riesigen Land leben. Es sind die Alex As, Dans, Dylans, Danielles, Ellies, Emilys, Graces, Haileys, Hopes, Heathers, Hunters, Jens, Josies, Kimmys, Lauras, Nicks, Ollies, Owens, Pjs, Pauls, Sages, die ich so gerne stellvertretend für dieses Land ansehen würde. Sie können aber nicht symbolisch für dieses Land stehen. Sie können nur symbolisch für das Amerika stehen, das ich liebe und schätze.



Neben den Menschen, die hier leben, ist es noch die Natur, die nur hier in einer einzigartigen Weise existiert. Ich kann den Besuch eines amerikanischen Nationalparks in einem Foto festhalten. Klar, dass ist kein Problem. Es fängt jedoch nicht die Magie ein, die einen umfängt, wenn man durch die menschenleerem Boundary Waters an der kanadischen Grenze paddelt,  auf die majestätischen Felswände des Yosemite National Parks blickt oder zum ersten Mal einen Alligator in den Sümpfen Floridas entdeckt. Landschaften, Flora und Fauna sind in diesem Land so unterschiedlich, wie das Land selbst.



Wer in Europa die Nachrichten verfolgt oder einfach nur in seiner Informationsblase lebt, der bekommt leider das andere Amerika präsentiert - das brennende, zersiedelte, ungebildete, rassistische, hyperkapitalistische, unfaire, gefährliche, politikverdrossene Amerika. Es existiert. Ich habe es zu verabscheuen gelernt.



Ich sehe die Vereinigten Staaten von Amerika schon lange nicht mehr als „die Vereinigten Staaten“. Für mich sind 50 Einzelstaaten. Wie kann man sagen, dass alle diese Staaten vereinigt sind, wenn zwischen Kalifornien, Minnesota und Alabama Welten liegen? Jede Stadt, jeder Staat ist in diesem Land so unterschiedlich, dass Generalisieren unmöglich ist.


Für mich bleibt am Ende die folgende Quintessenz: Wer generalisiert, der verliert! Die Vereinigten Staaten von Amerika haben Probleme. Ich bin mittlerweile aber zunehmend genervt, von unserer europäischen Arroganz. Als ob wir keine Probleme hätten. 


Jede westliche Gesellschaft hat Probleme, die manchmal unterschiedlicher nicht sein könnten. In den USA gibt es leider Waffen. Deutschland hat laut PISA eines der unfairsten Schulsystem. Ist es nicht häufig einfacher auf die Probleme anderer zu deuten, als unsere eigenen anzugehen?


Wer generalisiert, der verliert! Das bedeutet, dass man Landschaften wie Yellowstone nicht sieht, die es so nur einmalig auf unserer Erde gibt. Es bedeutet, dass man Menschen nicht kennenlernt, die ein größeres Herz haben, als man es für möglich gehalten hätte - in diesem einen Amerika, welches ich liebe und schätze, welches manchmal versteckt liegt, dessen Besuch ich jedoch jedem ans Herz lege. Hier stehe ich also wieder und kann mir nicht weiter zu helfen wissen, als darüber nachzudenken, wann ich wieder zurückkomme.


Denn, sobald man einmal neugierig genug ist, den großen Teich zu überqueren, wird man drüben als Teil der Gesellschaft so schnell willkommen geheißen, dass man für immer einen Stern in seinem Herz trägt. Wie sagt man hier so schön: It’s goodnight and not goodbye. Kennen wir das als Hamburger nicht irgendwoher….?


Kommentare